Mein Hund klaut Essen

Sie sitzen gerade gemütlich mit Freunden am Esstisch und genießen ein paar Snacks. Ihr junger Hund setzt sich neben Sie und schaut zu Ihnen hoch. Ihre Freunde sind begeistert. „Der Kleine ist ja sooo süß“, ´sagen sie, „ein kleines Stückchen kann ja nicht schaden“,  und ehe man sich versieht, wandert schon ein Stückchen Wurst unter den Tisch. Gratulation! Ihr Hund hat gerade gelernt, daß Betteln an Ihrem Tisch zum Erfolg führt und wird es ab sofort wieder tun.

Sie gehen mit Ihrem freilaufenden Hund spazieren und treffen auf einer Wiese eine andere Frau mit Hund. Die Dame hält ein paar Leckerlies in der Hand und ist gerade im Training mit ihrem eigenen Hund. Ihr Hund rast freudig in Richtung des Frau-Hunde-Teams und springt die Dame freudig an. Die Dame ist nett, sie lächelt und gibt Ihrem Hund auch gleich ein Leckerlichen. Gratulation! Ihr Hund hat gerade gelernt, daß es auch bei anderen Menschen tolles Futter gibt, insbesondere, wenn man sie anspringt.

Sie gehen weiter spazieren. Ihr Hund weiss ganz genau, daß Sie heute Käsestückchen in der Tasche haben. Er springt aufgeregt hin und her, an Ihnen hoch und bellt sie aufgeregt an. Sie ignorieren das Verhalten, sind aber doch zunehmend genervt. Damit er endlich still ist, erhält er beim nächsten Hochspringen und Bellen ein Stück Käse. Der Hund nimmt es und trottet (vorerst) davon. Gratulation! Sie haben ihm soeben beigebracht, was er tun muss, um an Futter zu kommen.

Der nächste Tag. Sie bereiten in der Küche Ihr Abendessen vor und legen das Fleisch auf die Küchenplatte zum Marinieren. Ihr Hund schaut Ihnen zu, hält aber Abstand, denn schliesslich hat er das gelernt. Sie gehen ganz kurz ins Bad, um sich frisch zu machen. Als Sie wieder in die Küche kommen, ist das Fleisch weg und Ihr Hund gerade noch dabei, die letzten Stückchen zu vertilgen. Sie schimpfen, was das Zeug hält und stürzen auf Ihren Hund zu. Ihr Hund weicht Ihnen aus, kneift den Schwanz ein und schluckt die Reste noch hastiger hinunter. Dann guckt er Sie scheinbar „schuldbewusst“ an. Gratulation! Sie haben soeben gelernt, daß Ihr kleiner Hund es doch bis auf die hohe Tischplatte schafft. Und Ihr Hund weiss jetzt auch, daß er beim nächsten Mal noch schneller sein muß, wenn Sie in Sichtweite kommen.

Sie haben in der Not nun ein vegetarisches Menü gezaubert und gehen danach mit Ihrem Kleinen eine letzte Gassirunde an diesem Tag. An einer Wiese angekommen leinen Sie Ihren Hund ab. Er läuft hin und her und schnuppert eifrig, bis er plötzlich zielsicher in einer bestimmte Richtung läuft. Nach 40 Metern hält er an, steckt seinen Kopf tiefer und kaut genüsslich an etwas Unbekanntem. Sie stürzen panisch herbei, schimpfen und rufen laut „Nein“, „Aus“, „Gib´s her“ und so weiter. Ihr Hund schnappt sich deshalb schnell das größte Stück, rennt weiter weg und schluckt dort das Unbekannte hastig herunter – dabei hat er Sie natürlich immer im Blick. Gratulation! Ihr Hund hat definitiv schnell gelernt. Er weiss jetzt, daß es für ihn unangenehm wird, wenn Sie in die Nähe einer begehrten Ressource kommen. Glücklicherweise war es nur eine Brezel, die am Boden lag…

Sicherlich haben wir Hundehalter diese Situationen alle mehr oder weniger schon selbst erlebt. Wir müssen dafür auch keine für Futter so „zugängige“ Rassen wie einen Beagle oder Labrador haben, um zu erkennen, wie schlau und lernfähig unsere Hunde doch in Wahrheit sind. Denn wenn sie dies nicht wären, würden Sie in freier Natur nicht überleben können.

Wer das nicht glaubt, kann ja mal den Test machen und eine Brotzeitplatte auf den Wohnzimmertisch (also in Reichweite des Hundes) stellen, ein paar Minuten lang etwas knabbern und sich dann gemütlich auf dem Sofa zurücklegen und die Augen schliessen. Auch ein in punkto Futterklau sehr gut erzogener Hund wird wissen, ob und wann Sie tief und fest schlafen.

Eines sollten wir uns deshalb merken: eine verfügbare Ressource, die Frauchen/Herrchen nicht (mehr) beansprucht, ist frei und darf in der Hundesprache gefressen werden. Dafür dürfen wir unseren Hund nicht bestrafen. Aus diesem Grund ist auch ein „Du-darfst-nichts-in-der-freien-Natur-vom-Boden-fressen-Training“ nicht einfach und nur ein passender Maulkorb wirklich dauerhaft sicher.

Innerhalb unserer Wohnung gehören zuerst einmal alle Ressourcen selbstverständlich uns, hier sollten (besser noch müssen) wir unserem Hund Grenzen setzen. Wir können unserem Hund beibringen, vor seinem Napf auf Freigabe zu warten und kein Futter vom Tisch oder in der Wohnung generell zu klauen. Auf dem Spaziergang bringen wir ihm bei, keine Leute anzuspringen, nichts von anderen fremden Personen anzunehmen und das Stück Brezel liegenzulassen, das gerade am Strassenrand liegt und beschnuppert wird. Vielleicht üben wir auch, daß er auf ein Zeichen hin die Brezel wieder aus dem Maul fallen lässt. Und wir sorgen mit Schleppleine und viel Training dafür, daß er kein Wild jagt.

Zu all dem gehört in jedem Fall ein vorausschauendes Denken und Handeln sowie Konsequenz, Training und Ausdauer. Aber wenn ein Hund im Freien ausser Sichtweite ist und machen darf, was er will, dann sollten wir nicht überrascht sein, wenn er genau das tut.

Autor: Ilka Schröder